Nach einer Vergewaltigung

 

 

Mögliche Reaktionen nach einer Vergewaltigung

Eine Vergewaltigung oder ein Vergewaltigungsversuch ist eine massive Grenzüberschreitung und Persönlichkeitsverletzung für jede Frau und jedes Mädchen. Aufgrund der seelischen Verletzung, die mit einer körperlichen Gewalteinwirkung zu vergleichen ist, sprechen Fachleute auch von einer psychischen Traumatisierung. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass äußerlich nicht sichtbare seelische Folgen mindestens ebenso schwerwiegend wie körperliche Verletzungen nach Gewalttaten sind.

Mädchen und Frauen sind unterschiedliche, vielfältige Menschen, auch wenn sie Opfer einer sexualisierten Gewalttat werden. Daher gibt es keine allgemeingültigen, vorhersagbaren Verhaltensweisen auf eine Vergewaltigung und auch keine richtigen oder falschen Reaktionen. Jede Frau, jedes Mädchen reagiert so, wie es ihr entspricht. Dennoch soll hier versucht werden, einige der häufigsten Erlebens- und Verhaltensweisen darzustellen. Hier sollen die häufigsten Fragen beantwortet werden, die sich Ihnen als Überlebende oder Vertrauensperson nach einer Vergewaltigung stellen.

Vielleicht fragen Sie sich, warum Sie die Vergewaltigung nicht verhindern konnten. Eine Vergewaltigung löst einen psychischen Schock aus. In diesem Zustand ist es schwer möglich, plan- und zielvoll zu handeln. Die meisten Frauen haben Todesangst, viele sind wie gelähmt, erstarrt und handlungsunfähig. Andere Frauen schreien um Hilfe, versuchen zu fliehen oder den Täter in ein Gespräch zu verwickeln. Eine Vergewaltigung stellt einen Ausnahmezustand her, auf den Frauen nicht mit alltäglichen Handlungsstrategien reagieren können.

Der seelische Schock dauert oft noch Stunden und Tage nach der Tat an und äußert sich in sehr unterschiedlichem Verhalten. Einige Frauen reagieren äußerlich ruhig und gefasst, andere weinen, sind völlig durcheinander, verwirrt und verzweifelt. Manche fühlen sich erstarrt, verstört und leer, als ob sie innerlich tot wären. Zwischendurch gibt es für viele Mädchen und Frauen immer wieder auch Zeiten, in denen sie das Erlebte fast völlig vergessen können, so als ob nichts geschehen wäre. Das Erlittene wirkt dann fern und unwirklich, als wäre es einer anderen Frau passiert.

Es gibt keine Standardreaktion auf eine Vergewaltigung. Jede Reaktion ist angemessen und normal angesichts dessen, was Sie durchgemacht haben. Allen Frauen und Mädchen gemeinsam sind jedoch Gefühle der Angst, der Ohnmacht, Erniedrigung und Beschmutzung.

Wenn Sie vergewaltigt oder sexuell genötigt wurden, haben sie etwas sehr Schlimmes und zugleich (fast) alltägliches erlitten. Ihr Vertrauen in sich selbst und in die Welt ist erschüttert, der Glaube an die eigene Sicherheit beeinträchtigt. Viele Überlebende fühlen sich schuldig, als ob sie etwas falsch gemacht hätten und nicht der Täter. Vielleicht schämen Sie sich, ist Ihnen die Tat peinlich, Ihr eigener Körper fremd und ekelerregend. Diese Gefühle bleiben oft auch dann bestehen, wenn Ihnen immer wieder versichert wird, dass nicht Sie diejenige sind, welche die Vergewaltigung verursacht und verübt haben, sondern der Täter.

Völlig unabhängig von Ihrem Verhalten, Ihrer Kleidung, Ihrem Auftreten liegt die Schuld allein beim Täter. Niemand hat das Recht, Ihre körperlichen, seelischen und sexuellen Grenzen zu missachten.

Ursachen für die hartnäckigen Selbstvorwürfe sind gesellschaftliche Vorurteile, vorwurfsvolle Reaktionen des Umfeldes und die schwierige, seelische Verarbeitung einer Vergewaltigung. Gewaltverbrechen erschüttern unser Vertrauen in andere Menschen und in unsere eigene Fähigkeit, uns zu schützen und Kontrolle über unser Leben ausüben zu können. Das ist in der Regel so schwer auszuhalten, dass Überlebende stattdessen die Schuld und Scham bei sich selbst suchen. Damit werden Gefühle der Hilflosigkeit und Ohnmacht überwunden und Kontrolle zurückgewonnen, allerdings um den Preis der eigenen Selbstbezichtigung und -abwertung.

Es ist wichtig, mit den eigenen Gefühlen und Problemen nicht allein zu bleiben, sondern zu versuchen, mit jemandem zu sprechen. Eine FreundIn oder eine außenstehende Person, die Ihnen keine Schuld an der Tat gibt, kann Ihnen helfen, sich gegen Schuld- und Schamgefühle innerlich zur Wehr zu setzen. Es ist oft sehr schwer, diesen Schritt zu wagen, gerade weil Ihr Vertrauen zu anderen Menschen so massiv erschüttert wurde. Vielleicht sind Sie auch besonders empfindsam in Bezug auf Kritik, Vorwürfe sowie mangelndes Einfühlungsvermögen und Verständnis anderer. Versuchen Sie trotzdem, sich Hilfe zu holen, indem Sie die Person Ihres Vertrauens besonders sorgfältig auswählen und / oder sich professionelle Unterstützung bei einer Mitarbeiterin eines Frauennotrufs suchen. Vielleicht brauchen Sie auch andere Ausdrucksmöglichkeiten wie malen, schreiben etc.

Auch verständnisvolle PartnerInnen, Angehörige und FreundInnen erwarten oft, dass die Betroffenen nach einiger Zeit in das Alltagsgeschehen zurückfinden, sich ablenken (lassen) und wieder funktionieren. Aber die psychische Verarbeitung einer Vergewaltigung erfordert viel Zeit, auch wenn der Alltag meist nach einigen Wochen wieder aufgenommen werden kann. Lassen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen, und hören Sie auf Ihre eigene innere Stimme. Niemand kann von außen bestimmen, wann Sie soweit sind, Ihren Alltag wieder aufzunehmen.

Viele Frauen leiden noch Monate und Jahre nach der Tat unter deren Folgen. Hierzu zählen anhaltende Niedergeschlagenheit, Gefühle der Sinnlosigkeit bis hin zu Gedanken an Selbsttötung, Ängste, Misstrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen und sexuelle Schwierigkeiten. Essstörungen, Missbrauch von Tabletten, Alkohol und anderen Drogen können weitere Folgen sein. Auch wenn Sie am liebsten alles vergessen möchten, haben Sie trotzdem den Mut, sich an einen Frauennotruf oder eine andere Beratungsstelle zu wenden und sich Unterstützung zu holen, unabhängig davon, wie lange der Übergriff her ist. Auch nach Jahren können Sie die Folgen der Gewalt überwinden und das Erlittene verarbeiten lernen.

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Frauenärztliche Untersuchung

Auch wenn Sie noch nicht wissen, ob Sie eine Anzeige erstatten wollen, ist es wichtig für Sie und Ihre Gesundheit, durch eine frauenärztliche Untersuchung Verletzungen feststellen und eventuell behandeln zu lassen. Die medizinische Untersuchung können Sie bei einer vertrauten Ärztin oder in der gynäkologischen Abteilung des Krankenhauses durchführen lassen. Im ärztlichen Gespräch können Sie zum Beispiel vorbeugende Maßnahmen wegen ansteckender Geschlechtskrankheiten, Aids und Hepatitis klären. Weiterhin können Sie einen Schwangerschaftstest machen lassen.

Im Falle einer vorherigen Anzeigenerstattung kurz nach der Tat kann die Polizei Sie zu einer Fachärztin oder einem Facharzt im zuständigen Krankenhaus begleiten. Die Untersuchung bei der Ärztin dient auch zur Sicherung von Beweismitteln. Spuren von Sperma, Blut, Haaren und Hautteilchen des Täters können zum Teil nur innerhalb von 24 Stunden nachgewiesen werden. Sollten Sie sich zu einer Anzeige entschließen, sind diese Beweise wichtig zur Überführung des Täters und um Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüche geltend machen zu können.

Wenn es Ihnen möglich ist:

  • Waschen Sie sich vor der ärztlichen Untersuchung nicht.
  • Reinigen Sie keine Kleidungsstücke und werfen Sie keine Tampons, Slipeinlagen weg. Grundsätzlich ist es wichtig, alles, was später als Beweismaterial verwendet werden könnte, einzeln in Plastiktüten aufzubewahren.
  • Bitten Sie die Ärztin / den Arzt, die Untersuchungsergebnisse und Verletzungsspuren genau zu dokumentieren. Hierzu existiert ein medizinischer Untersuchungsbogen, der beim Frauennotruf Lübeck angefordert werden kann.

Lassen Sie sich, wenn möglich von einer Freundin oder Vertrauensperson begleiten. Die Mitarbeiterinnen vom Frauennotruf bieten ebenfalls Begleitung an, beraten Sie und können mit Ihnen Frauenärztinnen oder Bereitschaftsärzte aufsuchen.

Es ist zu empfehlen, kurz nach der Tat einen Schwangerschaftstest durchführen zu lassen. Sollten Sie durch die Vergewaltigung schwanger geworden sein, dann können Sie so früh wie möglich klären, ob Sie diese fortsetzen möchten. Im Fall einer Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung genügt zum Abbruch eine Bescheinigung der behandelnden Ärztin, da eine so genannte kriminologische Indikation vorliegt.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Schwangerschaft zu verhindern oder einen Schwangerschaftsabbruch einzuleiten:

  • Die Pille danach ist ein Hormonmittel, dass aus vier Tabletten besteht. Diese werden unter ärztlicher Aufsicht 72 Stunden nach der Tat und in vorgegebenen Abständen eingenommen.
  • Die Spirale wird bis zu 5 Tagen nach der Tat in die Gebärmutter eingesetzt, um zu verhindern, dass sich ein befruchtetes Ei einnisten kann.
  • Die Abtreibungspille (z.B. Mifegyne, RU 486) kann innerhalb von 49 Tagen nach Beginn der letzten Regel eingenommen werden.
  • Die Absaugmethode wird ambulant oder stationär bis zur 12. Schwangerschaftswoche vorgenommen.

Bei der kriminologischen Indikation übernehmen die Krankenkassen alle Kosten. Die für Sie passende Methode besprechen Sie am besten mit Ihrer Frauenärztin. Auch über Maßnahmen bei Infektionen und sexuell übertragbaren Krankheiten, wie Aids oder Hepatitis, lassen Sie sich von Ihrer Ärztin beraten. Tests können Sie auch anonym beim Gesundheitsamt machen lassen.

Wenn Sie nicht möchten, dass Ihre Anschrift im Falle einer Anzeige in den Akten erscheint, weisen Sie die Ärztin darauf hin, Ihre Adresse nicht in den Untersuchungsbogen einzutragen. Lassen Sie sich erklären, welche Untersuchungen notwendig sind und was gemacht wird. Manche Verletzungen wie z.B. blaue Flecken sind erst nach einigen Tagen äußerlich sichtbar. Gehen sie dann nochmals zu Ihrer Ärztin, um auch diese Folgen der Tat feststellen zu lassen. Alle Ärzte unterliegen der Schweigepflicht. Erst wenn Sie sich irgendwann überlegen, doch eine Strafanzeige zu machen, kann die Ärztin von der Schweigepflicht entbunden werden.

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Strafanzeige

Sie entscheiden, ob Sie eine Anzeige machen wollen oder nicht. Lassen Sie sich für diese Entscheidung die Zeit, die Sie brauchen. Eine Anzeige wegen Vergewaltigung oder sexueller Nötigung kann noch bis 20 Jahre nach der Tat erstattet werden. Wenn Sie zu der Zeit der Tat noch jünger als 18 Jahre alt waren, beginnt die Frist der Verjährung erst, wenn Sie volljährig sind.

Vergewaltigung ist auch in der Ehe und Partnerschaft ein Verbrechen nach § 177 Strafgesetzbuch.

Wenn Sie während der Tat auch Beleidigungen, Körperverletzung oder Freiheitsberaubung ausgesetzt waren, können Sie auch deswegen einen Strafantrag stellen. Diese Vergehen haben aber kürzere Verjährungsfristen und müssen innerhalb von drei Monaten, nachdem der Täter bekannt wurde, gestellt werden. Für eine genaue Einordnung der vorliegenden Straftatbestände und für die Abklärung der Verjährungsfristen sollte eine juristische Beratung erfolgen. Diese kann von einer Rechtsanwältin ihres Vertrauens durchgeführt werden, ohne dass eine Anzeige vorliegen muss. Der Frauennotruf vor Ort kann Ihnen erfahrene Rechtsanwältinnen vermitteln.

Die Straftatbestände der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung sind Offizialdelikte, das heißt, die Anzeige kann hinterher nicht mehr zurückgenommen werden. Sobald die Polizei oder Staatsanwaltschaft davon erfährt - egal von wem - müssen sie ermitteln. Je früher eine Anzeige erfolgt, um so günstiger ist es für die Beweisaufnahme. Lassen Sie sich jedoch davon nicht unter Druck setzen.

Wo können Sie Anzeige erstatten:

Nur wenn Sie in akuter Gefahr sind, sollten Sie die Polizei über 110 anrufen. Dann kommt zunächst die gerade diensthabende Streifenpolizei oder Kriminalpolizei. Die Beamten erheben alle Daten, die zur kurzfristigen Ergreifung des Täters führen können. Wenn die Tat schon mehr als 24 Stunden zurückliegt, wenden Sie sich direkt an die zuständigen BeamtInnen der Kriminalpolizei oder an die Staatsanwaltschaft. Dadurch haben Sie dann die Möglichkeit, sich auch von einer weiblichen Kripobeamtin vernehmen zu lassen. In allen Kreisstädten gibt es Kriminalpolizeistellen, in denen KripobeamtInnen speziell für die Befragung von Opfern von Vergewaltigung und sexueller Nötigung geschult sind.

Wichtig ist, dass Sie zur Anzeigenerstattung den eventuell schon vorhandenen medizinischen Untersuchungsbogen und ihre Beweisstücke einzeln in Plastiktüten verpackt mitbringen. Wenn Sie bis zur polizeilichen Vernehmung noch nicht medizinisch untersucht wurden und die Tat erst wenige Tage zurück liegt, wird die Polizei mit Ihnen zur Untersuchung in ein Krankenhaus fahren. Denken Sie daran, alle Untersuchungen können nur mit Ihrer Zustimmung erfolgen. Sie können den Wunsch äußern, von einer Frau untersucht zu werden.

Die Vernehmung kann einige Stunden dauern. Ihre Aussagen werden auf ein Tonband aufgenommen, und es wird ein schriftliches Protokoll erstellt. Wenn deutsch nicht Ihre Muttersprache ist, dann sollten Sie eine Dolmetscherin verlangen. Wenn Sie nicht wollen, dass Ihre Adresse dem Beschuldigten bekannt wird, bitten Sie darum, Ihre Anschrift getrennt von Ihrem Vernehmungsbogen festzuhalten. Wenn Sie eine Rechtsanwältin beauftragt haben, reicht es auch aus, wenn Sie die Adresse Ihrer Anwaltspraxis angeben.

Sie müssen sich darauf einstellen, dass die Polizeibeamtinnen ganz genau nach dem Tathergang und -ablauf fragen. Sie wollen alle Einzelheiten von Ihnen wissen. Das kann für Sie sehr belastend sein. Fordern Sie ein Pause, wenn Sie nicht mehr können und lassen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Das Vernehmungsprotokoll der Polizei lesen Sie sich genau durch. Erst, wenn Sie wissen, dass ihre Schilderung der Vergewaltigungssituation vollständig wiedergegeben wurde, unterschreiben Sie das Protokoll. Es ist völlig normal, wenn Sie sich nicht an alle Einzelheiten erinnern können. Es gibt auch die Möglichkeit, dem Protokoll später noch etwas hinzuzufügen. Wenn Sie unsicher oder sehr durcheinander sind, haben Sie die Möglichkeit, es am anderen Tag noch einmal zu überprüfen und es erst dann zu unterschreiben. Wenn Sie sich nicht direkt zu einer Anzeige entschließen, ist es sinnvoll, ein Gedächtnisprotokoll anzufertigen.

Die Mitarbeiterinnen im Frauennotruf informieren Sie umfassend über Ihre Fragen zur Anzeigenerstattung, Nebenklage, Kosten und Kostenerstattung, Prozessverlauf sowie Ihre Rechte und Möglichkeiten. Auf Wunsch können wir Sie zur Vernehmung durch die Polizei und / oder zum Gerichtsprozess begleiten.

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Das Strafverfahren

Vom Ermittlungsverfahren bis zum Strafprozess

Die Vorstellung, Strafanzeige wegen Vergewaltigung/sexueller Nötigung zu erstatten und ein Gerichtsverfahren durchzustehen, kann ganz unterschiedliche Gefühle und Gedanken auslösen. Oft entsteht Unsicherheit, weil Sie nicht wissen, was Sie erwartet, oder Angst davor, dass Ihnen nicht geglaubt wird. Vielleicht befürchten Sie, etwas falsch zu machen oder zusammenzubrechen. Einerseits löst die Vorstellung, dem Täter wieder zu begegnen, vielleicht Angst aus. Andererseits wollen Sie ihn mit der Tat und deren Folgen konfrontieren. Sich öffentlich zu wehren, kann Ihnen ein Gefühl der inneren Stärke vermitteln, wenn das Gericht stellvertretend für die Gesellschaft ihn eindeutig für das, was er getan hat, verurteilt und zur Rechenschaft zieht.

Die Tatsache, dass aufgrund der Überlastung der Gerichte ein Jahr zwischen der Anzeigeerstattung und der Eröffnung der Hauptverhandlung vergehen kann, führt dazu, dass Sie sich eventuell wieder mit der Tat auseinandersetzen müssen, nachdem Sie gerade Abstand dazu bekommen haben.

Mit den folgenden Informationen über den formalen Ablauf des Strafverfahrens, seinen unangenehmen Seiten ebenso wie Ihren Rechten möchten wir Ihnen eine Entscheidungshilfe für oder gegen eine Anzeigeerstattung bieten. Für weitere Informationen und Unterstützung in Ihrem Entscheidungsprozeß hinsichtlich der Anzeigenerstattung empfehlen wir Ihnen eine persönliche Beratung in einem Frauennotruf.

Falls Sie sich zu einer Anzeige entschließen, nimmt die Polizei ihre Ermittlungstätigkeit auf. Sie vernimmt z.B. ZeugInnen, besichtigt den Tatort, sichert Beweismittel. Die Ergebnisse dieser Ermittlungsarbeit leitet die Kriminalpolizei an die Staatsanwaltschaft des zuständigen Gerichtsbezirks weiter. Die Staatsanwaltschaft entscheidet, ob aufgrund der tatsächlichen Anhaltspunkte eine Verurteilung des Täters wahrscheinlich ist. Dann erhebt sie Anklage. In allen anderen Fällen stellt sie das Verfahren ein.

Zuständigkeit der Gerichte

Das Amtsgericht ist zuständig, wenn die Staatsanwaltschaft mit einem Strafmaß von weniger als vier Jahren rechnet. Die Urteilsfindung erfolgt dort durch eine/n BerufsrichterIn und zwei ehrenamtlich arbeitende SchöffInnen. Letztere haben keine juristische Ausbildung, jedoch das gleiche Stimmrecht wie die BerufsrichterInnen. Sie kennen den Inhalt der Strafakte nicht, können sich folglich ihr Urteil nur aufgrund dessen bilden, was sie in der mündlichen Verhandlung hören.

Vor dem Landgericht wird verhandelt, wenn die Staatsanwaltschaft mit einem Strafmaß von vier Jahren rechnet oder darüber zu entscheiden hat, dass der Beschuldigte in ein psychiatrisches Krankenhaus eingeliefert wird, oder wenn bei schweren Straftaten eine Führungsaufsicht (Unterlassung von Handlungen, die eine erneute Straftat vorbereiten könnten) angeordnet werden soll. Am Landgericht wird die Verhandlung von zwei bis drei BerufsrichterInnen und zwei SchöffInnen geführt.

Das Gericht prüft, ob es wahrscheinlich ist, dass dem Verdächtigen die Straftat nachgewiesen werden kann. Ist dies der Fall, beschließt es die Eröffnung des Hauptverfahrens und damit einer mündlichen Verhandlung. Den Verhandlungstag erfahren Sie im Falle einer Nebenklagevertretung (s.u.) von Ihrer Rechtsanwältin, anderenfalls von der Staatsanwaltschaft.

Die mündliche Hauptverhandlung

Die mündliche Hauptverhandlung kann mehrere Tage dauern. Obwohl Sie für Ihre Aussage zu einem bestimmten Zeitpunkt am Verhandlungstag eingeladen werden, kann es trotzdem zu Wartezeiten kommen. Während dieser können Sie, wenn Sie dem Täter nicht auf dem Flur begegnen möchten, ein Zeuginnenschutzzimmer im Gerichtsgebäude benutzen. Wenn Sie es wünschen, können Sie nur zu Ihrer ZeugInnenaussage an der Verhandlung teilnehmen.

Wir empfehlen Ihnen sich von Personen Ihres Vertrauens begleiten zu lassen. Diese können MitarbeiterInnen der Frauennotrufe oder des Schleswig-Holsteinischen ZeuginnenBegleitprogramms sein. So haben Sie während der Wartezeiten und Pausen eine AnsprechpartnerIn und können sich im Vorfeld über den Ablauf der Gerichtsverhandlung informieren.

Die Verhandlung beginnt mit dem Aufruf zur Sache durch die/den vorsitzende RichterIn oder die/den WachtmeisterIn. Damit sind alle Prozessbeteiligten aufgefordert, sich in den Gerichtssaal zu begeben. Die/der vorsitzende RichterIn überprüft, ob der Beschuldigte, seine Verteidigung, alle Sachverständigen und ZeugInnen anwesend sind. Sie, als Opfer von Vergewaltigung/sexueller Nötigung haben vor Gericht den Status einer Zeugin oder auch Nebenklägerin (s.u.). Wenn Sie sich nicht zur Nebenklage entschlossen haben, müssen Sie im Anschluss an den Aufruf zur Sache den Raum auf jeden Fall bis zu Ihrer Aussage wieder verlassen. Zunächst werden die Personalien des Täters erhoben, dann wird die Anklageschrift von der Staatsanwaltschaft verlesen. Der Angeklagte hat die Wahl, sich zu den Vorwürfen zu äußern oder zu schweigen.

Es folgt die Beweisaufnahme. Zu Beginn Ihrer Aussage werden Sie wie alle Zeuginnen von der/dem vorsitzenden RichterIn darüber belehrt, dass Sie die Wahrheit sagen müssen und anderenfalls bestraft werden können. Wenn Sie mit dem Täter eng verwandt oder verheiratet sind, können Sie von Ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Ihre Aussage darf dann bei der Urteilsfindung nicht mehr berücksichtigt werden, es sei denn, dass sie im Rahmen einer richterlichen Vernehmung stattfand. Steht jedoch Aussage gegen Aussage und fehlen objektive Beweismittel, so wird Ihre Zeugnisverweigerung zu einem Freispruch aus Mangel an Beweisen führen. Da für die Urteilsfindung der dem Gericht vorliegende Akteninhalt völlig unbedeutend ist, bleibt es den Opfern nicht erspart, in der mündlichen Verhandlung all das zu schildern, was sie schon bei der Polizei und/oder Staatsanwaltschaft angegeben haben.

Wenn Sie eine Frage nicht beantworten können, weil Sie sich nicht mehr genau erinnern, so sagen Sie das. Keine/r kann erwarten, dass Ihnen auch nach Monaten noch alle Details präsent sind. Wenn Sie nicht sicher sind, ob Sie eine Frage richtig verstanden haben, fragen Sie einfach nach. Als erstes wird Sie die/der vorsitzende RichterIn befragen. Anschließend können die beisitzenden RichterInnen, die Staatsanwaltschaft, die Verteidigung, der Angeklagte selbst und Ihr/e NebenklagevertreterIn Fragen stellen. Falls der Beschuldigte die Tat nicht bereits gestanden hat, empfinden die Opferzeuginnen meistens die Befragung durch die Verteidigung des Angeklagten als sehr unangenehm. Die Verteidigung handelt im Interesse ihres Mandanten und wird aus diesem Grund versuchen, Zweifel an dessen Schuld aufkommen zu lassen. Als Mittel zum Zweck wird die Verteidigung unter Umständen Ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellen. Sie oder Ihre Rechtsanwältin können jedoch beantragen, Fragen, die Sie verunglimpfen sollen, zurückzuweisen. Wenn alle ZeugInnen und Sachverständigen (wie z.B. ÄrztInnen oder GutachterInnen) gehört worden sind, ist die Beweisaufnahme abgeschlossen.

Es folgen die Plädoyers der Staatsanwaltschaft, der Nebenklagevertretung und der Verteidigung. Jede/r von ihnen fasst die für sie/ihn wichtigen Sachverhalte und Beweismittel zusammen, bewertet sie und fordert dementsprechend entweder Freispruch oder ein bestimmtes Strafmaß und/oder Auflagen. Der Angeklagte hat das letzte Wort und kann entscheiden, ob er sich äußern möchte oder nicht.

Anschließend zieht sich das Gericht zur Beratung zurück. Für diese Zeit ist die Verhandlung unterbrochen. Das Verfahren endet mit der Verkündung des Urteils durch die/den vorsitzende/n RichterIn.

Ihre eigenen Rechte: Nebenklagevertretung und Opferentschädigungsgesetz

Wenn Sie eine Strafanzeige gegen den / die Täter stellen wollen, ist es grundsätzlich sinnvoll, einen eigenen Rechtsbeistand zu haben. Ohne Rechtsanwältin sind Sie im Ermittlungs- und Strafverfahren lediglich eine Zeugin. Mit Rechtsanwältin werden Sie zusätzlich zur anklagenden Staatsanwaltschaft zu einer Nebenklägerin gegen den Täter. Damit haben Sie Vorteile, auf die wir im Folgenden eingehen werden. Die Mitarbeiterinnen der Frauennotrufe empfehlen Ihnen auf Anfrage erfahrene Rechtsanwältinnen, die während der Ermittlungen und vor Gericht Ihre Rechte vertreten. Sie können zu jedem Zeitpunkt des Verfahrens und bei allen Arten von Sexualstraftaten eine Anwältin einschalten, wenn der Täter über 18 Jahre alt ist.

Vorteile der Nebenklagevertretung sind:

  • Sie haben eine parteiliche Ansprechpartnerin auf Ihrer Seite.
  • Die Rechtsanwältin kann Akteneinsicht während der Ermittlungen beantragen, so dass sie erfahren, wie sich der Beschuldigte zu den Tatvorwürfen äußert und wie das Verfahren steht.
  • Sie oder Ihre Vertreterin können vor Gericht eigene Anträge stellen (z.B. ZeugInnen benennen, Haftantrag für den Täter stellen). * Sie sind berechtigt, während der gesamten Prozessdauer im Gerichtssaal anwesend zu sein.
  • Ihre Anwältin kann Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit und des Beschuldigten während Ihrer Vernehmung stellen. Der Beschuldigte wird jedoch nur in seltenen Fällen von der Vernehmung ausgeschlossen. Ihre Anwältin kann beantragen, dass unangemessene Fragen der Verteidigung zurückgewiesen werden.
  • Ihre Anwältin kann während des gesamten Verfahrens Pausen beantragen.
  • Als Nebenklägerin können Sie selbst oder Ihre Anwältin den Beschuldigten, ZeugInnen und Sachverständigen Fragen stellen.
  • Ihre Anwältin kann am Schluss des Verfahrens einen eigenen Schlussvortrag halten und Anträge auf Zahlung eines Schmerzensgeldes stellen.
  • Als Nebenklägerin können Sie im Falle eines Freispruchs Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen.

Die Kosten für die Nebenklagevertetung

Die Erstberatung bei einer Rechtsanwältin vor der Anzeigeerstattung müssen Sie nur dann selbst bezahlen, wenn Sie nicht arm im Sinne des Gesetzes sind und keinen Beratungsschein vom Weißen Ring erhalten können. In diesem Beratungsgespräch können Sie z.B. klären, wie die Straftat(en) vom Gesetzgeber juristisch eingeordnet werden und welches Strafmaß in Aussicht steht. Der Weiße Ring e.V. übernimmt in der Regel nach einem Gespräch mit Ihnen die Kosten für eine erste juristische Beratung, indem Ihnen die Mitarbeiterinnen einen Beratungscheck im Wert von 125,- EUR ausstellen.

Wenn es zu einem Gerichtsverfahren kommt und die Voraussetzungen erfüllt sind (Täter erwachsen, Straftat ein Verbrechen), können Sie einen Antrag auf Beiordnung einer Nebenklagevertretung stellen. Die Kosten für die Rechtsanwältin werden dann unabhängig von Ihrem Verdienst und dem Ausgang des Verfahrens übernommen. Sind die Voraussetzungen nicht erfüllt (Täter ist Jugendlicher, Mindestmaß unter 1 Jahr), kann bei geringem Verdienst Prozesskostenbeihilfe beantragt werden. Eine kompetente Rechtsanwältin wird Sie über Ihre Möglichkeiten informieren und die entsprechenden Anträge stellen.

Finanzielle Hilfen nach dem Opferentschädigungsgesetz

Nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) können Sie einen Antrag auf verschiedene Versorgungsleistungen stellen, wenn Sie durch ein Gewaltverbrechen einen gesundheitlichen physischen oder psychischen oder wirtschaftlichen Schaden erlitten haben. Hierbei handelt es sich vor allem um

  • Übernahme der Kosten für Heil- und Krankenbehandlungen (z. B. auch für Psychotherapie)
  • Beschädigten- und Hinterbliebenenrente, wenn die Gesundheitsschädigung schwer ist
  • Witwen- und Waisenrente

Den Antrag stellen Sie möglichst unverzüglich beim für Ihren Wohnsitz zuständigen Versorgungsamt. Leistungen werden erst ab Antragstellung gewährt, nicht rückwirkend, wenn die Tat bereits mehr als ein Jahr zurücklag. Das Vorliegen einer Strafanzeige ist zwar nicht zwingend erforderlich, erleichtert aber die Bewilligung in der Praxis erheblich. Wir empfehlen Ihnen auch hier, die Unterstützung einer kompetenten Anwältin oder des Frauennotrufs in Anspruch zu nehmen.

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