Heide Simonis zu Besuch im Notruf Kiel: Opfer brauchen mehr als schöne Worte!

PRESSEERKLÄRUNG  16.9.2010:

Heide Simonis zu Besuch im Notruf Kiel: Opfer brauchen mehr als schöne Worte!

Heide Simonis, Kuratorin des Landesverbandes der Notrufe und Frauenberatung (LF SH) setzt sich aus aktuellem Anlass besonders aktiv für Mädchen und Frauen ein, die Missbrauch, Vergewaltigung oder Misshandlung erlebt haben. „Die Opfer von Gewalt brauchen zuverlässige Hilfen und nicht nur vollmundige Politikerworte, wenn einmal wieder ein Skandal wie in Sylt oder den Kirchen in Deutschland und Belgien die Republik erschüttert. Ein gut ausgebautes, professionelles Beratungs und Hilfsangebot für Opfer und deren Angehörige muss sichergestellt und weiter entwickelt werden. Das aktuelle Kürzungskonzept der Landesregierung gefährdet diese überlebenswichtigen Angebote für traumatisierte Menschen.“

Seit 1998 arbeiten die Frauenberatungsstellen mit „gedeckelten Mitteln“, was ohnehin schon eine kontinuierliche Kürzung der Angebote bedeutet hat. Bislang immer noch im Feld der sog. „freiwilligen sozialen Leistungen“ angesiedelt, begrüßt der LFSH ausdrücklich die Bemühungen von Verwaltung und Politik, diesen wichtigen Bereich der Opferhilfe und inneren Sicherheit endlich gesetzlich abzusichern.

„Die konkreten Kürzungskonzepte bedeuten aber weder eine ‚Optimierung der Angebote‘ noch eine konkrete Verbesserung, wie das Justizministerium verspricht. Durchschnittlich werden die Beratungsstellen um 10,27% gekürzt und das bei steigenden Kosten und Anfragen. In den Großstädten wird sogar etwa ein Drittel der Landesmittel gestrichen und im Kreis Dithmarschen wäre konkret das gesamte Angebot gefährdet. Wir brauchen ein kontinuierliches und leistungsstarkes Angebot, für das die ganze Gesellschaft eine moralische Verantwortung hat“, erläutert Dipl. Soz.-Päd. Angela Hartmann vom LFSH und freut sich, dass der zuständige Minister Schmalfuß anlässlich der Demonstration gegen die Kürzungen dem LFSH gegenüber Gesprächsbereitschaft signalisiert hat.

Der LFSH wendet sich gegen die Kürzungen des Landeshaushaltes im sozialen Sektor, da hier Strukturen des bürgerschaftlichen Engagements gefährdet und dadurch neue Notlagen produziert werden. Mädchenarbeit, Notrufe, Beratungsstellen und Frauenhäuser sind unverzichtbare Angebote für Menschen in Notlagen. Die Folgekosten sind enorm, wenn ausgerechnet Opfern von Missbrauch, Stalking, Vergewaltigung und Misshandlung keine ausreichenden Hilfen mehr angeboten werden können. Die besorgte Öffentlichkeit fokussiert einseitig auf entlassene Sexualstraftäter, aber gleichzeitig bleiben viele Opfer mit ihren Ängsten und Nöten allein.

„Hier bei uns im Frauennotruf Kiel und an der Helpline rufen täglich neue Opfer von Missbrauch und Vergewaltigung an, die dringend sofortige Hilfe brauchen. Wir begrüßen und erkennen an, dass uns die Landesregierung Planungssicherheit verspricht, aber wir fragen uns, wie sie das sicherstellen will. Der Beratungsbedarf übersteigt schon jetzt deutlich die Kapazitäten vor Ort,“ ergänzt Ursula Schele vom Frauennotruf Kiel. „Gerade rief eine Frau an, die von mehreren Männern in ihrer Wohnung vergewaltigt wurde. Das bedeutet immer mehr unbezahlte Überstunden, da wir natürlich tatnah helfen wollen. Gleichzeitig wenden sich - gerade nach der verstärkten öffentlichen Wahrnehmung des Problems - immer mehr Menschen an uns, die in ihrer Kindheit und Jugend massiven sexuellen Missbrauch erlebt haben. Wir freuen uns natürlich über jede/n, der den Mut hat, sich endlich anzuvertrauen; aber der Staat sollte hier auch die Strukturen erhalten und ausbauen, die dringend gebraucht werden.“ Die Bundesregierung hat sich in UN-Konventionen verpflichtet, Angebote für Opfer von Menschenrechtsverletzungen wie Vergewaltigung, Missbrauch und Frauenhandel aufzubauen, das bedeutet, dass alle Bundesländer in der Pflicht sind, ausreichende Angebote vorzuhalten.“

Im Flur des Kieler Notrufs am Alten Markt türmen sich die Sparpakete mit der Aufschrift „Sparpaket – zurück an Absender“ und „Wir beraten besser als die Banken“. Der LFSH freut sich über viel Zuspruch, Verständnis und Unterstützung durch die Bevölkerung bei den Protestaktionen gegen die Kürzungen. „Hier wird nicht etwa gespart, sondern es werden massive Folgekosten produziert. Frauen und Kinder, die mit ihren traumatischen Erlebnissen alleine bleiben, werden in der Zukunft eher krank, eher arbeitslos oder sogar selber gewalttätig, das kann unsere Gesellschaft weder moralisch noch finanziell verkraften. Das diese weitreichenden und umwälzenden Entscheidungen getroffen werden, ohne das Parlament mit seinem Sachverstand einzubeziehen, kann zu noch mehr Politikverdrossenheit führen“, resümiert Heide Simonis aus ihrer Erfahrung als ehemalige Finanzministerin und Ministerpräsidentin. “Wir werden von den Medien immer wieder nach Alternativvorschlägen für Kürzungen gefragt. Der Kürzungssumme im gesamten Anti Gewalt Bereich von etwa 600.000,- € entspricht genau der immense Summe, die von der Landesregierung für die Sanierung des Marinedenkmals in Laboe zur Verfügung gestellt wurde. Das lässt Fragen offen, wenn bei der „Heldenverehrung“ großzügig Geld verteilt wird, während Opfern gewalttätiger Männern die Hilfen gekürzt werden. Wir wissen, dass die öffentliche Hand unter den finanziellen Lasten der Bankenkrise leiden, aber es darf nicht sein, dass Frauen, Schwächere und Kinder die meisten Lasten zu tragen haben. Noch hoffen wir auf den Sachverstand der Parlamentarier/innen, denn sie sind genauso wie die Verbände bislang kaum in die Beratungen der Haushaltsstrukturkommission eingebunden“, bekräftigt Angela Hartmann zum Ende des Gesprächstermins.

V.i.S.d.P.: A. Hartmann; Landesverband Frauenberatung; info@lfsh.de; www.lfsh.de; Tel. 0431 – 99 69 96 36

Für nähere Informationen und Fragen stehen wir Ihnen gerne auch persönlich zur Verfügung.